Gastbeitrag von Dr. med. Iris Scharf-Sinn

Impfung

 

Grundsätzlich ist es natürlich richtig bei einer Virusepidemie auf eine Impfung zu setzen und gleich mehrere Kandidaten gleichzeitig zu fördern. Auch dass man schneller vorgeht aber dennoch möglichst auf die gleiche Art und an gleich vielen Probanden testet, erscheint ja auch nachvollziehbar. Warum das dann aber völlig neue Impftechnologien sein müssen mit den Risiken der fehlenden Erfahrung und unbekannter Nebenwirkungen, erschliesst sich mir nicht. Als Argument wird teils die schnellere Herstellung v.a. bei mRNA-Impfstoffen oder aber die fehlende Wirksamkeit der klassischen Methoden (inaktive Viren, Proteine) vorgebracht. Das erste Argument erweist sich ja nun als nicht stimmig im Angesicht der sehr schleppenden Lieferungen. Auch die Entwicklungsgeschwindigkeit oder Wirksamkeit muss nicht unbedingt deutlich schneller bzw. besser sein, wie Novavax oder Sinopharm beweisen. Sowohl die Technologie der Vektor- als auch die der mRNA-Impfstoffe sind bei einigen Pharmaunternehmen in den letzten Jahren wichtige Entwicklungsfelder geworden, mit denen der Impfstoffmarkt komplett umgestaltet werden soll. Die Möglichkeit einer so beschleunigten Zulassung und gleichzeitig enorm breiten Anwendung ist natürlich sehr im Interesse dieser Firmen.

  

Wirksamkeit

 

Es konnte Ende 2020 für die Vektor- und mRNA-Impfstoffe eine gute Wirksamkeit nachgewiesen werden (105-107). Allerdings gilt für alle Studien nur eine Beobachtungszeit von 3-4 Monaten. Zudem traten bei 20 bis 30 Tausend Probanden nur wenige Hundert Infektionen auf, wahrscheinlich aufgrund der Beobachtungszeit im Sommer mit insgesamt niedrigen Fallzahlen. Diese Infektionen traten schon statistisch signifikant häufiger bei den Nicht-Geimpften auf, aber die Zahlen bleiben dennoch klein im Verhältnis. Zumindest im Sommer muss man so sehr viele Menschen impfen um eine Infektion zu verhindern. Immerhin wurden schwere Verläufe sehr zuverlässig verhindert. Zusammen mit den hohen Spiegeln an neutralisierenden Antikörpern aus der Phase I/II spricht dies gegen eine Verstärkung eines Infektes durch die Impfung. Bei > 75 Jährigen haben sich in den Studien sogar so wenige angesteckt, dass die Wirksamkeit gar nicht mehr nachweisbar war. Dies gilt für Pfizer, Moderna als auch Astra Zeneca gleichermassen (105,107,108). Die Studien haben somit ironischerweise gezeigt, dass man sich im Sommer als älterer Mensch auch ohne Impfung gut schützen kann. Dass dies im Januar den Senioren nicht erklärt wurde als man sie mit Pfizer und Moderna impfte und gleichzeitig AstraZeneca einschränkte auf unter 65J. ist für mich nicht nachvollziehbar. Mittlerweile konnte in einer ersten Studie aber die Wirksamkeit bei > 80 Jährigen auch belegt werden (109). Mit der Impfung schützt man eventuell auch andere, da Virusnachweis und Virusmenge sinken bei zufällig getesteten Geimpften ohne Symptome (110).

 

Letztlich müssen aber Wirksamkeit und Schutz anderer noch weiter beobachtet und gründlicher belegt werden. Wie lange der Impfschutz anhält ist noch völlig unklar.

 

Risiken

 

Bei den 20 bis 43 Tausend Studienteilnehmern wurden keine schweren oder bleibenden Nebenwirkungen beobachtet (105-107). Dies gilt aber ausschliesslich für Impffolgen innerhalb der ersten 4 Monate. Über Probleme, die später auftreten wissen wir noch nichts. Theoretisch sind solche verzögerten Nebenwirkungen bei nur zweimaliger Gabe einer Substanz nicht sehr wahrscheinlich. Auch Komplikationen älterer Impfstoffe sind meist innerhalb der ersten Monate aufgetreten, aber eben nicht alle. Gemäss den Zulassungsstudien könnten Thrombosen und Gesichtslähmungen gehäuft sein, beide treten aber auch selten bei sonst Gesunden spontan auf. Der Fall einer transversen Myelitis und der einer Multiplen Sklerose (beides Autoimmunerkrankungen) bei AstraZeneca bleiben suspekt, zumindest wurde bei breiter Anwendung dieses Impfstoffes in Grossbritannien meines Wissens nicht mehr über weitere Fälle berichtet. Ein weiteres Problem sind die Nanopartikel, kleine Fetthüllen, die die mRNA-Impfstoffe schützen sollen. Sie verteilen sich im ganzen Körper (111). Deren Giftigkeit ist früher stets ein Problem bei der Entwicklung gewesen (112-114). Nicht oder spät bemerkte toxische Wirkungen der Nanopartikeln sind noch nicht ausgeschlossen.

 

Die Fälle von Gerinnseln in den Hirnvenen oder anderen Körperregionen und der Verlust an Blutplättchen bei AstraZeneca wurden nun als seltene Immunreaktion auf den Impfstoff bestätigt (115), ähnlich wie es bei Heparin (einem Blutverdünner) schon Jahrzehnte bekannt ist. Seltsam bleibt hier das völlige Ausbleiben dieser Komplikationen bei den 1-2 Monate vorher mit AstraZeneca geimpften Briten. War es nur ein Problem einer oder mehrerer Chargen / Lieferungen? Seltsam bleibt auch, dass nie nach dem Spikeprotein in Blutgerinnseln bei den Leichenschauen der Verstorbenen gesucht wurde oder es wird nicht erwähnt. Schliesslich wird die Herstellung von diesem Eiweiss von allen Impfstoffen in den Körperzellen eingeleitet. Genau dieses Eiweiss wird aber auch für die Gerinnselbildung beim Infekt mit SARS-Cov-2 verantwortlich gemacht (116). Zudem sind (nicht-tödliche) Gerinnselbildungen nicht auf AstraZeneca beschränkt (117).

 

Eine israelische Studie untersucht aktuell noch nach Durchimpfung der Bevölkerung mit dem Pfizer-Impfstoff, ob er die Fruchtbarkeit beeinflusst (118). Das gehört doch wohl in den Tierversuch vor jeglichem Einsatz beim Menschen !!!

 

Diese Bedenken sind für Menschen mit sehr hohem Risiko (Alte und chronisch Kranke) nicht so bedeutsam, da die Gefahren eines Infektes für diese sehr gross sind. Bei allen <50 Jährigen, die Ihre Impfung aus Solidarität, beruflichen Gründen, zur Wiedererlangung der Reisefreiheit oder als Schutz vor post-Covid benötigen, sieht das aber aufgrund der hier geringen Sterblichkeit anders aus.

 

Ausserdem ist eine breite Durchimpfung der Bevölkerung eventuell förderlich für die Mutationsraten des Virus, dazu gibt es zumindest Modelle bei der Influenza (119). Hier mutierte der Virus bei mittlerem Anteil an Immunen in der Bevölkerung am meisten, bei hohem Anteil wird er dafür gar nicht genug verbreitet, bei niedrigem Anteil haben die Mutanten keinen evolutionären Vorteil und setzen sich nicht durch. Ich finde hier wäre eine Stellungnahme diverser Immunologen und Virologen am besten international im Rahmen der WHO sehr nötig, da wir Ende 2021 a.e. genau in diesem Bereich mittlerer Durchimpfungsraten liegen werden.

 

Stand:    25. April 2021  

Quellen


(105) https://www.nejm.org/doi/full/10.1056/NEJMoa2034577
(106) https://www.nejm.org/doi/full/10.1056/NEJMoa2035389
(107) https://www.thelancet.com/action/showPdf?pii=S0140-6736%2820%2932661-1
(108) https://www.ema.europa.eu/en/documents/assessment-report/covid-19-vaccine-moderna-epar-public-assessment-report_en.pdf
(109) https://www.ed.ac.uk/files/atoms/files/scotland_firstvaccinedata_preprint.pdf
(110) https://www.authorea.com/users/332778/articles/509881-single-dose-bnt162b2-vaccine-protects-against-asymptomatic-sars-cov-2-infection?access_token=-hDTQsMUXcCPSpdZV_Lmpg
(111) https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC7652571/
(112) https://www.mdpi.com/2076-3417/9/20/4438
(113) https://www.ingentaconnect.com/contentone/asp/jnn/2016/00000016/00000002/art00011
(114) https://www.liebertpub.com/doi/abs/10.1089/hum.1997.8.6-689
(115) https://www.medizin.uni-greifswald.de/fileadmin/user_extern_upload/Presse/2021/PM_Zoom_Greinacher_190321.pdf
(116) https://www.medrxiv.org/content/10.1101/2021.03.05.21252960v1.full
(117) https://www.biocentury.com/article/635029/aes-similar-across-covid-19-vaccines-in-europe-data-byte
(118) https://clinicaltrials.gov/ct2/show/NCT04748172
(119) https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC2603026/#:~:text=Antigenic%20drift%20is%20responsible%20for,critical%20for%20formulating%20vaccine%20policy.