Gastbeitrag von Dr. med. Iris Scharf-Sinn

Nutzen Lockdown

  

Bevor die Wirksamkeit einer Massnahme beurteilt werden kann, muss die Messgrösse dafür festgelegt werden. Sie muss die Bedrohung für die Gesellschaft darstellen. Das können nicht nur die absoluten Fallzahlen sein. Es müssen eher symptomatische Fälle, schwere Verläufe und Todeszahlen betrachtet werden. Diese relevanten Zahlen hängen nämlich nicht immer automatisch von der Gesamtzahl der Fälle oder der Gesamt-7-Tage-"Inzidenz" ab. Ein Einfluss auf die Fallzahlen kann überhaupt erst nach 5-6, abgeschätzt werden, so lange braucht der Virus bis er im Mittel Beschwerden auslöst. Für den Beginn und die Beendigung von Massnahmen ist entscheidend, wie beansprucht die Krankenhäuser sind, welche Altersgruppen sich aktuell infizieren und ob die Fälle mit Symptomen steigen oder nur die ohne Symptome, weil man z.B. mehr testet. Wahrscheinlich wird das durch die beratenden Wissenschaftler im RKI oder sonst auch mit beachtet. Leider dringen als Massgabe der politischen Entscheidungen aber immer nur die Gesamtfälle bzw. die 7-Tage-"Inzidenz" zu uns durch.

  

Bevor man nun die Wirkung einer Massnahme diskutiert, muss man sich fragen, ob es auch Entwicklungen bei der Virusausbreitung gibt die von sich aus ablaufen. So zeigen Beobachtungen der anderen "Erkältungs- oder Grippeviren", dass diese wellenartig während der "Grippe"saison von Oktober bis März auftreten und sich auch ein Stück weit abwechseln (67,68). Als Gründe für diese selbstständige Beendigung der Ausbreitung eines bestimmten Virus werden dabei diskutiert: Die für einen Infekt empfängliche Bevölkerung nimmt ab wegen zunehmender Immunität oder er gerät mit einem anderen Virus zunehmend in Konkurrenz und wird von diesem abgelöst.

 

Die Einhaltung der Basismassnahmen (Händedesinfektion, Abstand halten, mit Infekt daheim bleiben, private Treffen und Freizeitaktivitäten reduzieren) ist der freiwillige Beitrag zur Pandemieeindämmung von uns allen. Dieser Beitrag aller hat auch aus meiner Sicht den grössten Einfluss. Bei zunehmenden Fallzahlen und Berichten von sich wieder deutlich füllenden Krankenhäusern ist es zudem anzunehmen, dass die Mehrheit der Menschen sich selbstständig wieder mehr an die Basismassnahmen hält. Das bedeutet, dass schon vor staatlichen Beschlüssen zu Einschränkungen, bereits ein Einfluss auf die Fallzahlen sichtbar sein kann.

 

Bei der Herbstwelle 2020 in Europa kann jeweils ein Wendepunkt bei den neuen Fällen schon vor den offiziellen Massnahmen beobachtet werden (s. Tabelle unten). Dies lässt einen oder beide der zuvor genannten Effekte vermuten.

  

Offiziell beschlossene und verordnete Massnahmen umfassen Schliessung von Kindertagesstätten, Schulen und Universitäten, Geschäften, Restaurants, Kulturbetrieben, Ausgangssperren, Verbot von Grossveranstaltungen, Reisebeschränkungen und Pflicht zum Home Office. Zu den Effekten dieser Massnahmen gibt es bisher nur Untersuchungen zum März/April 2020. Die meisten verwenden Hochrechnungsmodelle, die Ihren Stellenwert zu Beginn einer Pandemie haben. Sie können dabei stark daneben liegen und den Effekt sowohl deutlich zu hoch, als auch zu niedrig einschätzen (69-71). Rückwirkende Untersuchungen, die Länder vergleichen mit deutlichen, mit wenigen oder keinen Massnahmen, zeigen unterschiedlich positive Einflüsse auf die Fallzahlen (72-78). Aber der Effekt ist dabei stets eine Reduktion des R-Wertes, sprich eine Verlangsamung der Virusausbreitung. Die Gesamtzahl der Fälle bleibt am Ende gleich (81). Die wenigsten Studien betrachten auch Sterblichkeit oder schwere Fälle. In den Studien, welche dies mit untersuchen, haben aber die Lockdownmassnahmen keinerlei Einfluss auf die Todeszahlen (79-81). Auch die "Stärke" des Lockdowns macht keinen Unterschied (82). Das RKI analysiert in seinem Überblicksartikel lediglich die Studien zu den Fallzahlen. Die o.g. Studien, die keinen Effekt auf die Todeszahlen zeigen, werden unterschlagen (83). Schulschliessungen werden oft als wenig nützlich beschrieben (75, 84). Die 7.Ad-hoc Stellungnahme der Lepoldina nimmt zu keiner einzigen Studie bezug, die den ersten Lockdown betrifft. Stattdessen liefert sie nur wieder eigene epidemiologische Hochrechnungen und Modelle als stünden wir im Herbst immer noch vor einer neuartigen Pandemie mit nur zu schätzender Dynamik (86). Interessant wird es wenn man die gesamten Fall- oder Todeszahlen der Länder oder z.B. einzelner US-Staaten und deren Strenge bzgl. Lockdown (via Oxford Stringency Index) vergleicht. Es findet sich nicht einmal im Ansatz eine Korrelation. Als Beispiele mit Stand 8.4.21 bzgl. US Staaten mit ähnlicher Bevölkerungsdichte und medianem Alter: Rhode Island mit harten Massnahmen und 13218 Fällen, 249 Toten im Vergleich zu North Dakota mit fast keinen Massnahmen und 13449 Fällen, 219 Toten. Oder New York mit stets hartem Lockdown und 9896 Fällen, 261 Toten im Vergleich zu Florida ohne jegliche Massnahmen mit 9896 Fällen, 157 Toten.

  

Insgesamt gibt es keine Belege bezüglich eines Nutzens bei den Todesfällen oder den Gesamtfällen. Man verzögert die Virusausbreitung unterschiedlich stark durch die offiziellen Massnahmen, was ein Vorteil für das belastete Gesundheitssystem sein kann. Allerdings ist dieses in Ländern oder US-Staaten mit keinen oder mässigen Massnahmen auch nicht zusammengebrochen. Letztlich wurden ja auch Bereiche der Gesellschaft geschlossen, die über bestehende oder im März/April geplante Hygienekonzepte verfügten. Man schliesst also Bereiche, in denen sich Menschen ohnehin nur noch wenig angesteckt haben. Selbst wenn die Fallzahlen durch einen Lockdown weniger schnell steigen, bedeutet das ja, dass man den Lockdown anhaltend durchziehen muss bis zum Sommer oder bis zur ausreichenden Durchimpfung.

 

Persönlich denke ich, wie es einzelne Länder ja auch gut vormachen (z.B. Schweden, einzelne US-Staaten), dass eine disziplinierte aber freiwillige Einhaltung der Basismassnahmen (siehe oben) inkl. Masken tragen genügend schützen kann. Aber genau daran scheitern alle Versuche die Pandemie einzudämmen, dass die Bevölkerung diese Massnahmen nicht oder nur zum Teil beherzigt. Die Umsetzung dieser Basismassnahmen war schon Jahrzehnte lang in der Umsetzung von Hygieneregeln im Krankenhaus schwer. Es ist daher unsinnig anzunehmen, dass die Allgemeinbevölkerung das sogar noch penibler und besser hinbekommen kann und zwar 7 Tage die Woche. Bei der Händehygiene sehe ich vor allem ein sehr grosses Defizit. Ausserdem ist es insgesamt äusserst schwer einen Virus mit Luftübertragung (aerogen) in Innenräumen aufhalten zu wollen.

  

Sehr interessant zu lesen ist auch die sehr kritische Stellungnahme von Prof. Henderson von 2006 zur H5N1-Pandemie (Vogelgrippe) und den damals ebenfalls geplanten nicht-pharmazeutischen Interventionen (87). Er betont deutlich den schädlichen Einfluss und den wenig erwiesenen Nutzen all der Massnahmen, die wir aktuell so fleissig umzusetzen versuchen und die mässige Aussagekraft der mathematisch-epidemiologischen Modellrechnungen.

 

 

Neuinfektionen

 

 

 

Land

Abflachung der Kurve

Wendepunkt der Kurve

R-Wert max

R-Wert

< 1

Datum
Massnahmen

Deutschland

01.11.2020

07.11.2020

 10.-25.10.20

05.11.2020

02.11.2020

 

13.12.2020

23.12.2020

12.12.2020

23.12.2020

16.12.2020

Schweiz

01.11.2020

07.11.2020

28.09.2020

28.10.2020

19.10. - 29.10.

 

11.12.2020

18.12.2020

29.11.2020

05.12.2020

22.12.

Österreich

07.11.2020

13.11.2020

30.10.2020

23.11.2020

03.11.2020

 

natürlich kann diese Wende auch durch bereits etablierte, regionale und offizielle Massnahmen beeinflusst worden sein.

 
Stand:    25. April 2021


Quellen

(67) https://www.svlw.ch/images/literatur/300%20Grundlagen/320%20Internationale%20Reports/W.H._Saisonalitaet_Viraler_Respiratorischer_Infektionen.pdf
(68) https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC7113017/
(69) https://www.imperial.ac.uk/media/imperial-college/medicine/mrc-gida/2020-03-16-COVID19-Report-9.pdf
(70) https://www.thelancet.com/journals/lancet/article/PIIS0140-6736(20)30854-0/fulltext
(71) https://www.medrxiv.org/content/10.1101/2020.07.22.20160341v3
(72) https://europepmc.org/article/ppr/ppr243265
(73) https://www.medrxiv.org/content/10.1101/2020.05.28.20116129v4
(74) https://www.nature.com/articles/s41586-020-2405-7
(75) https://www.medrxiv.org/content/10.1101/2020.04.16.20062141v3
(76) https://science.sciencemag.org/content/early/2020/12/15/science.abd9338
(77) https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/32495067/
(78) https://journals.plos.org/plosone/article?id=10.1371/journal.pone.0244177#sec010
(79) https://www.thelancet.com/journals/eclinm/article/PIIS2589-5370(20)30208-X/fulltext#seccesectitle0013
(80) https://www.frontiersin.org/articles/10.3389/fpubh.2020.604339/full
(81) https://eurjmedres.biomedcentral.com/articles/10.1186/s40001-020-00456-9
(82) https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/32491297/
(83) https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges_Coronavirus/Projekte_RKI/Rapid-Review-NPIs.pdf?__blob=publicationFile
(84) https://www.thelancet.com/journals/lanchi/article/PIIS2352-4642(20)30095-X/fulltext

https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S235246422030095X
(86) https://www.leopoldina.org/uploads/tx_leopublication/2020_12_08_Stellungnahme_Corona_Feiertage_final.pdf
(87) http://www.upmc-biosecurity.org/website/resources/publications/2006/2006-09-15-diseasemitigationcontrolpandemicflu.html